Canon goes Lomo?

mjh, 4. März 2026, 08:00 Uhr

Was ist von der in zwei Designvarianten gezeigten Konzeptkamera zu halten, die Canon auf der diesjährigen CP+ vorgestellt hat?

Die Fachmesse CP+ (Camera & Photo Imaging Show) im japanischen Yokohama gilt als eine der wichtigsten Fotomessen, aber wer auch in diesem Jahr die Ankündigung spannender Neuigkeiten erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Kamerahersteller setzten vor allem auf die Präsentation bewährter Modelle. In diesem wenig aufregenden Umfeld erregten Canons Konzeptstudien um so mehr Aufsehen, obwohl sie eher im Bereich der Lomographie zu verorten wären – wenn eine Kamera gemäß diesem Konzept denn jemals auf den Markt kommen sollte, was durchaus nicht sicher ist.

Eine der beiden Designvarianten von Canons Konzeptkamera

Auf den ersten Blick erinnern Canons Prototypen an klassische Mittelformatkameras, wie sie insbesondere Hasselblad einst popularisiert hatte. Deren Würfelform und den charakteristischen Lichtschachtsucher findet man wieder, aber das – manuell fokussierte – Objektiv ist fest verbaut und nicht wie bei Hasselblads V-System auswechselbar. Und sind es denn überhaupt Mittelformatkameras? Ja und nein …

Das Konstruktionsprinzip wird manchem bekannt vorkommen. Vor neun Jahren hatte Samuel Mello Medeiros eine Kickstarter-Kampagne zur Finanzierung seines „I’m back“-Rückteils gestartet, mit der man so ziemlich jede analoge Kleinbild-Spiegelreflexkamera zu einer Digitalkamera umbauen können sollte – zu überschaubaren Kosten, bei Nutzung des vollen Kleinbildformats und ohne die Kamera zu modifizieren. Das galt bis dahin als unmöglich: In das Filmfenster passte nur ein kleinerer Sensor (wie es Leica einst mit dem DMR-Rückteil für seine analoge R-Baureihe vorgeführt hatte, das einen APS-H-Sensor verwendete), und wenn man einen Kleinbildsensor einbauen wollte, musste man die Kamera zuvor entkernen – eine Nutzung als klassische analoge SLR wäre danach nicht mehr möglich gewesen.

Medeiros’ Idee war simpel, aber effektiv: „I’m back“ platzierte eine Mattscheibe an der Stelle des Films, auf der ein formatfüllendes optisches Bild entstand. Ein einfaches Kameramodul mit kleinem Sensor fotografierte dann dieses Bild ab und speicherte es. Die einzige technische Herausforderung bestand darin, das Rückteil darauf aufmerksam zu machen, dass der Auslöser gedrückt wurde und ein Bild aufgenommen werden sollte, und dazu wurde die Blitzsynchronisation zweckentfremdet. Seinerzeit hatte ich darüber berichtet.

So hätte das sicherlich auch funktioniert, doch die Crowdfunding-Kampagne scheiterte. Statt der benötigten 85.000 Euro wurde nicht einmal die Hälfte eingeworben, und so kam das Projekt nicht zustande. Medeiros gab jedoch nicht auf und hatte zuletzt mit einem weiteren Projekt mehr Erfolg, das allerdings eine Rückkehr zu einem kleineren Sensor bedeutete – und statt des APS-H-Sensors von Leicas DMR war das nur ein Micro-Four-Thirds-Sensor.

Canon hat nun Medeiros’ ursprüngliche Idee wieder aufgegriffen, allerdings nicht für die Digitalisierung vorhandener Mittelformat-SLRs, sondern als eigenständige Digitalkamera. Der Aufbau der Canon-Kamera ist simpel: Das Licht einer fest verbauten, relativ lichtstarken (f/1,8) Festbrennweite ohne Autofokus wird über einen Spiegel auf eine Mattscheibe mit Lichtschacht projiziert, die man als optischen Sucher nutzt. (Technisch gesehen soll es sich nicht um eine Mattscheibe, also matt geschliffenes Glas handeln, allerdings sind die Einstellscheiben von Spiegelreflexkameras auch längst keine solchen Mattscheiben mehr und werden trotzdem vom Volksmund so genannt.) Ein beweglicher zweiter Spiegel lenkt das Mattscheibenbild alternativ zu einem Kameramodul mit eigener Optik und einem 1-Zoll-Sensor um, der, wie zu hören war, 6 Megapixel auflösen kann. In dieser Stellung des Spiegels wird ein elektronisches Live-Bild auf einem Display angezeigt. Die Konstruktion ähnelt einer Spiegelreflexkamera, nur dass der bewegliche Spiegel hier nicht vor, sondern hinter der Mattscheibe sitzt.

Der Vorteil von Canons wie Medeiros’ Konstruktion ist, dass man ein großes Bildformat nutzen kann; bei Canon ist es offenbar größer als das Kleinbildformat, aber wie groß genau, gibt der Hersteller nicht an. Die Bildanmutung, also auch die Schärfentiefe und daher das Freistellvermögen, entsprechen diesem Format, was den so aufgenommenen Fotos eine Mittelformat-Anmutung verleihen dürfte. Allerdings nicht, so weit es die Bildqualität betrifft. Eine Mattscheibe oder auch deren moderne Weiterentwicklungen erlauben keine so feine Auflösung, wie sie aktuelle Sensoren unterstützen würden. Das wird einer der Gründe gewesen sein, weshalb Medeiros’ „I’m back“ damals der Erfolg versagt geblieben war, und es erklärt auch Canons Beschränkung auf 6 Megapixel.

Auch der Verzicht auf fast alle Errungenschaften nach dem Stand der Technik – Canons Konzeptkameras arbeiten rein manuell – lässt eher an die Kameras aus dem Lomographie-Portfolio denn an Canons System- oder Kompaktkameras denken. Wenn ein solches Modell tatsächlich auf den Markt kommen sollte, wird es eher eine Spielerei als ein Werkzeug einer halbwegs ernsthaften Fotografie sein. Aber wenn es Spaß macht – warum nicht?

Und falls Canon dann doch der Mut fehlt, könnten Sie sich eine solche Kamera auch leicht selbst bauen. Zwei Spiegel, eine Mattscheibe und ein Mittelformatobjektiv finden Sie auf dem Flohmarkt, und Kameramodule für Ein-Platinen-Computer gibt es für kleines Geld zu kaufen. Beim Bau des Gehäuses haben Sie dann alle Freiheiten; lediglich lichtdicht sollte es sein, sofern Sie kein Fan des heute manchmal künstlich hinzugefügten Lichtleck-Effekts sind.